Joachim Zischke: Wenn ich Ihre Website Visuelle Protokolle durchstreife, fallen mir Ihre farbenfrohen Zeichnungen auf, die mit wenigen, aber gekonnten Strichen, zutiefst menschliche Situationen und Erfahrungen widerspiegeln. Auch entdecke ich in Ihren Bildern einen feinsinnigen Humor, der zum Schmunzeln und zum Reflektieren anregt. So beispielsweise in dem Bild, wo jemand seinem Kollegen ein brennendes Streichholz unter den Hintern hält und Sie lapidar Motivation darunter schreiben. Herr Kuchenmüller, Sie müssen ein lebensfroher Mensch sein, der in der Visualisierung verborgener Gefühle und Empfindungen einen Teil seines Lebenssinns sieht. Ist das richtig?
Reinhard Kuchenmüller: Ich will so beginnen: Gestern Abend sah ich im Fernsehen einen Film über den Jazzpianisten Keith Jarret, und er sagte so viel, was auch ich hätte sagen können. Beispielsweise und sinngemäß:
Ich mache analoge Musik für junge Leute, die nur digitale Musik auf CDs kennen. Anfangs störte mich ,wenn nur wenige Leute kamen. Heute sage ich, es genügt, wenn nur einer zuhört. Ich spiele seit 25 Jahren mit meinem Trio. Wenn Leute sagen, Du müsstest unbedingt mal mit … spielen, dann verstehe ich gar nicht, was die Leute meinen. Improvisieren ist die richtige Art für mich, zu musizieren, und wenn vorher alles schief geht, ich also alle meine Erwartungen fahren lasse, ist das die beste Voraussetzung, dass es klappt. Auf dem Klavier zu improvisieren, heißt immer wieder bei Null anfangen, eine ganz grosse Herausforderung für mich, und es ist das, was mich glücklich macht!
Bin ich lebensfroh? Ja, das bin ich. Ich lebe mit meiner Frau und Geschäftspartnerin Dr. Marianne Stifel in einem umgebauten Bauernhaus in der südlichen Toscana, auf einem Gelände mit 200 Olivenbäumen, führe ein Leben mit starken Herausforderungen, und ich habe mir einen Beruf ausgedacht — oder hat er mich gefunden? Mein Vater riet mir kurz vor seinem Tod: Mache nicht zu vieles, was noch nie jemand vor dir gemacht hat! Aber ich halte mich nur mässig an diesen Rat.
Ich bin direkt im Geschehen, höre, spüre, rieche die Menschen, erfasse intuitiv, um was es geht.
In meinem früheren Berufsleben war ich Architekt mit Schwerpunkt Bedarfsplanung, also der Entwicklung von Bauaufgaben für die Planung. Auch da ging es um menschliche Bedürfnisse, aber der Hebel zu den Menschen war lang. Jetzt, bei der Live-Visualisierung, bin ich direkt im Geschehen, höre, spüre, rieche die Menschen, erfasse intuitiv, um was es geht, fast ohne Gedanken und ohne Kontrolle, setze es spontan in ein Bild um und füge einen kurzen Satz hinzu. Der Humor kommt dann ganz von selbst. Und ich mache die Bilder den Menschen zugänglich, als Bildwand oder als abendliche Diaschau. Es sind immer die Menschen, um die es mir geht.
JZ: Was begeistert Sie bei Ihrer Tätigkeit besonders?
RK: Ihre Fragen inspirieren mich nachzufühlen. Was mich besonders begeistert? Ich bin auf ein Medium gestossen, dass die Menschheit seit gut 40.000 Jahren nutzt — denken Sie an die Felsbilder in Australien und Südfrankreich — und von dem ich glaube, dass wir alle diese unendlichen Bilder kollektiv im Unbewussten mit uns tragen. Wir sind deshalb mit Bildern ansprechbar, jung oder alt, gebildet oder nicht. über lange Zeit wurden Bilder mit dem Unterhaltungsbereich identifiziert, also Kino, Illustrierte, Werbung, Fernsehen. Heute werden Bilder auch wieder im sogenannten ernsten Bereich heimisch. Ich fühle mich da etwas als Pfadfinder. Wohin wird uns unser Gespräch jetzt führen?
Wir lieben es, Bilder als Hilfsmittel der Verständigung und Verstärkung dessen, was wir sagen wollen, zu benutzen.
JZ: Sie fragten: Wohin wird uns unser Gespräch jetzt führen? Ich antworte: Zu den Grundzügen der menschlichen Kommunikation. Und diese sehe ich in der Art, wie wir miteinander kommunizieren. Natürlich ist unser Schreiben und Sprechen durch Logik, Grammatik und andere Formalismen reguliert. Aber wir lieben es, Bilder als Hilfsmittel der Verständigung und Verstärkung dessen, was wir sagen wollen, zu benutzen. Unsere Sprache ist angefüllt mit Metaphern, die unsere Gefühle und Gedanken deutlicher und häufig auch angenehmer auszudrücken vermögen.
Das führt mich zu dem Ergebnis amerikanischer und japanischer Forscher, die herausfanden, dass die Deutung von Gesichtsausdrücken kulturabhängig ist. Sie kennen sicherlich die in eMails verwendeten Emoticons zur Verdeutlichung eines Gefühls. In westlichen Ländern wird Freude mit
oder
und Trauer oder ärger mit
oder
ausgedrückt. Die Form des Mundes ist hierbei entscheidend. Japaner nutzen dagegen für Freude meistens das Symbol (^_^) und für Trauer das Symbol (;_;), wobei der Mund gleich bleibt und sich nur der Augenausdruck ändert. Interessant, nicht wahr?
Wir kennen den Code, der im Bild steckt.
Ein weiterer Aspekt: Wenn wir sagen, Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, so setzen wir stillschweigend voraus, dass das Bild, das wir zu sehen bekommen, für den Betrachter im Kontext verständlich ist. Verstehen im Sinne von: Wir kennen den Code, der im Bild steckt. Wir wissen, welche Information das Bild enthält. Das Verkehrsszeichen Vorfahrt achten ist nur dann für uns verständlich, wenn wir gelernt haben, was das Bild im Kontext einer Verkehrssituation bedeutet. Das Firmenlogo der Deutschen Bank, beispielsweise, bedeutet Ihnen nichts, wenn Sie nichts von Diagrammen oder Finanzkurven verstehen. Ich bin der Meinung, dass für die Visualisierung von Gedanken und Gefühlen ein gemeinsamer Code zwischen Aussender und Empfänger bestehen muss.
Wie erleben Sie die Situation, wenn Sie Informationen von anderen Menschen aufnehmen, um diese in der Form des Visualisierens wieder zurückzugeben? Erkennen Sie da einen gewissen Code, der verbindet? Wie erspüren Sie den Code, intuitiv oder durch Erfragen?
RK: Sie sprechen von den Grundzügen menschlicher Kommunikation. Wobei Sie Bilder als Hilfsmittel und Verstärkung bezeichnen. Sie verwenden das Wort angenehm. Das ist sicher richtig, doch aus meiner Sicht können Bilder weit mehr als angenehm sein, und ich glaube, wir haben dringenden Bedarf danach.
Die jüdisch-christliche Entzauberung der Welt hat Natur und Gott der Beeinflussung durch magische und rituelle Praktiken entzogen. Es entsteht eine rasende Angst.
Schon Max Weber erkannte vor mehr als einhundert Jahren, dass die große Produktionsmaschine des kapitalistischen Wandelns und Handelns von einem strengen Arbeitsethos angeworfen wurde, das aus der calvinistisch-puritanischen Weltsicht stammt. Ich zitiere ein wenig nach einem Artikel von Gustav Seibt aus der Süddeutschen Zeitung vom 3.11.2004. Er spricht dort von der theologischen Zwangslage der frühen Neuzeit: Die jüdisch-christliche Entzauberung der Welt hat Natur und Gott der Beeinflussung durch magische und rituelle Praktiken entzogen. Es entsteht eine rasende Angst. Gelingt es mir, nicht nur auf Lüge und Gewalt, sondern auch auf jede andere Sünde, auf Genuss, Heiterkeit, Libertinage, ja die Diesseitsfreude zu verzichten? Wie beweise ich mir das? Durch Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit! Weber spricht vom Ethos der Freudlosigkeit, von mönchischen Idealen in bürgerlicher Gestalt.
Dies bietet natürlich optimale Voraussetzungen für Fremdbestimmung und Ausnutzung. Gallup stellt in jährlichen Umfragen unwidersprochen fest, dass lediglich etwa 15% der Mitarbeiter in den Betrieben gerne arbeiten, die meisten sind stumpf dabei und gut 15% agieren vehement gegen die Interessen ihres Betriebes. Wieso das immer und überall so weitergehen kann ohne nennenswerten Protest — siehe Max Weber.
Das ist ein Kapital, das die Arbeitgeber noch kaum richtig verstehen.
Ich bin nun allerdings überzeugt, dass Menschen im Grunde eine positive Einstellung zum Leben haben, neugierig und spielfreudig, Entdecker und Entwickler sind. Das ist ein Kapital, das die Arbeitgeber noch kaum richtig verstehen. Wenn wir in diesem Umfeld mit Bildern arbeiten, berühren wir dieses Kapital, wir machen Vorgänge auch emotional einsichtig, lassen dadurch eine menschlichere Kommunikation entstehen. Nicht selten reagieren die Mitarbeiter begeistert. Nach visualisierten Interviews mit Gruppen von Arbeitern bei Mercedes-Benz gaben diese am Ende stehend minutenlang Applaus — nur weil sie sich überraschenderweise verstanden, in unseren Bildern gespiegelt fühlten.
Jedenfalls können wir uns mit Bildern extrem leichter verstehen als sprachlich.
Zu den kulturellen Unterschieden in der Rezeption kann ich wenig sagen. Wir arbeiten überwiegend im europäischen Raum. Bei internationalen Konferenzen oder einem Projekt mit der Weltbank hatte ich keine Schwierigkeiten, mit meinen Bildern verstanden zu werden. Ich vermute, dass die Differenzierung zunimmt, je abstrakter die Darstellung ist (beispielsweise bei Computersymbolen). Wir als Menschen haben eine Jahrtausende alte Geschichte der visuellen Protokollierung — das sollte doch in unser aller Gene eingedrungen sein, meinen Sie nicht? Jedenfalls können wir uns mit Bildern extrem leichter verstehen als sprachlich. Das habe ich bei einem Projekt der King Baudouin Stiftung in Brüssel über Hirnforschung mit gut 150 Teilnehmern aus zehn Ländern erlebt: Exakt 46 Simultanübersetzer waren da im vollen Einsatz, während ich alleine ein visuelles, für alle verständliches Protokoll dieses hochkomplexen Gebiets erstellt habe.
Das beantwortet vielleicht auch Ihre Frage nach dem Kontext. Der Code besteht! Wir benutzen ihn intuitiv. Wir fragen, wenn möglich, nach Feedback oder Kritik, stellen aber bei den tausenden von Bildern, die wir schon gemalt haben, eigentlich nur Zufriedenheit fest. Gerne würde ich mich mit Fachleuten hierüber intensiver austauschen, die hierzu mehr sagen könnten; wir haben ja nicht die Möglichkeiten zu forschen, warum den Menschen unsere Bilder gefallen, was sie berührt, was in ihren Köpfen und Herzen vorgeht.
JZ: Sie sprachen Webers Ethos der Freudlosigkeit an, die in unseren Lebens- und Arbeitsformen sichtbar wird und sich immer mehr verstärkt. Keine Frage: Wir sind visuell (und haptisch) orientierte Menschen. Bilder lösen Emotionen aus, positive wie negative. Und über die Reaktionen zu Bildern lassen sich sogar Rückschlüsse auf Denk- und Verhaltensmuster des Betrachter ziehen; darüber hat C.G. Jung bereits ausführlich nachgedacht.
Bilder stellen immer eine Momentaufnahme dar. Dennoch betrachten wir sie gerne immer wieder: Ist das so, weil wir uns in sie mit unseren eigenen Erfahrrungen und Erlebnissen versenken können? Weil sie das Leben in und um uns herum festhalten, während der erinnerte Moment in unserem Gedächtnis verblasst, seine Konturen verliert und wir manchmal gar nicht mehr wissen, ob wir eine Situation tatsächlich so selbst erlebten oder nur davon gelesen oder gehört haben?
Ist es vielleicht eine in uns verborgene, verschüttete Liebe zum Bildlichen?
Mich beschäftigen ähnliche Fragen, die Sie bereits ansprachen: Warum sehen sich Menschen in Ihren Bildern gespiegelt? Was berührt sie und weshalb lösen Ihre Bilder das erlebte Empfinden aus? Sind es die schlichten, pointierten Pinselstriche, die den Kern einer Sache, eines Gefühls oder eines Denkergebnisses klar zum Ausdruck bringen, ohne Raum für weitergehende, defizile Interpretationen zu lassen? Ist es vielleicht eine in uns verborgene, verschüttete Liebe zum Bildlichen? Könnten wir durch vermehrten Einsatz des Visuellen unsere Denkprozesse, unsere Kommunikation verbessern?
Es scheint sich ein Trend zu entwickeln, dem Visualisierten den Vorzug vor dem Geschriebenen zu geben. Ich sehe das beispielsweise in neuen Seminarangeboten oder in sogenannten Dialog-Werkzeugen, wie beispielsweise Graphic Walls. Ist das nur ein Marketing-Trend oder steckt da mehr dahinter?
RK: Wir sind überzeugt, dass, wie Sie sagen, in uns eine verborgene, verschüttete Liebe zum Bildlichen schlummert. Nicht nur eine Liebe, sondern auch ein Gestaltungswunsch, der sich — leider nur sehr selten — im Selbermalen äußert, öfter aber im sich Einlassen auf Bilder anderer. Ja, gerade auf die so einfachen Bilder, die wir malen.
Wir sind auch überzeugt, dass wir durch vermehrten Einsatz des Visuellen unsere Denkprozesse, unsere Kommunikation verbessern könnten.
Was müsste das für eine Schule sein, welche von Beginn bis Ende lehrt und Spielraum dafür freihält die Welt sinnlich-bildlich zu erfahren und das Erfahrene wiederzugeben! Eine Schule, welche einfach die vernachlässigte sinnliche Wahrnehmung neben der rationalen pflegt und lobt und fördert! Vor etlichen Jahren hatte ich einmal eine Initiative Schule der Sinne gestartet, es war aber dann neben dem Aufbau der Visuelle Protokolle zu viel für mich. Schade, die Idee war schön.
Sie schreiben über einen Trend, dem Visualisierten den Vorzug vor dem Geschriebenen zu geben. Da wir Menschen seit ewigen Zeiten visuell die erlebte Welt protokollieren — eine Schrift gibt es erst seit etwa 6000 Jahren —, denke ich, wir könnten das ruhig wieder aufgreifen und noch sehr lange fortsetzen.
Ich mag übrigens die Polarisierung Schrift – Bild nicht. Wir sprechen von unserer Arbeit auch als visual language, definiert als die Kombination von Bild und (etwas) Schrift, wie es schon die alten ägypter machten. Es gibt hierüber auch ein gleichnamiges Buch von Bob Horn (wegen der vielen Bilder allerdings gar nicht sinnlich). Gerne würden wir in Indoor-Trainings Menschen auch darin unterrichten, ihre Welt visuell zu durchdringen, selber visuell zu protokollieren, als Start einer Schneeballaktion oder kleiner Lawinen.
Unser methodischer Ansatz ist es, die Befindlichkeit der Menschen in den Unternehmen zu eruieren, offen und ehrlich, um dann zu sehen, auf welchen Boden eine Wertekaskade trifft und was daraus gedeiht. Es geht bei allen Beteiligten um Dinge, über die zu sprechen sie nicht gewohnt sind. Die Bilder haben die Kraft, die Angst zu nehmen.