Olaf Scholz, ‚Oberster Personaler der Republik’, gab eine Steilvorlage ...
Bundesarbeitsminister Olaf Scholz hatte seine Amerikareise verkürzt, um die Festrede beim 17. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Personalführung zu halten. Der Mann hat eine Vision, und er kann sie handfest formulieren.
Die Krise durch Kurzarbeit überstehen; über die Krise hinaus die Zukunft durch ständige Qualifikation sichern; zu einer neuen, alten Wertschätzung der Arbeit finden, zur Freude an der Arbeit.

Hat man ihn verstanden? Wohl jeder der anwesenden Personaler dürfte die jährliche Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit durch das Gallup Institut kennen: Zwei Drittel der Beschäftigten machen Dienst nach Vorschrift, kaum jemand fühlt sich seinem Unternehmen emotional verbunden. Zwanzig Prozent haben innerlich gekündigt, die volkswirtschaftlichen Folgen gehen in die Milliarden.

Marco Nink, der diese Ergebnisse für 2008 der Presse vorstellte, glaubt nicht, dass die Krise an diesen Zahlen viel ändert. Er sagte, die Probleme in Deutschland seien hausgemacht und gingen auf Defizite in der Personalführung zurück. Schuld sei oft die direkte Führungskraft.
Hier schließt sich der Kreis zur DGFP. Müsste nicht jeder Personaler Tag und Nacht grübeln, wie er mit diesem Dilemma umgehen kann? In Zeiten des Wirtschaftswunders wurde auf der Autobahn ein türkisches Auto angehalten, voll beladen mit Menschen und Waren, einen Kühlschrank auf dem Dach, das im Rückwärtsgang in Richtung Türkei fuhr.

Die anderen Gänge hatten nach und nach den Geist aufgegeben. Welche Werkzeuge haben Personaler in der heutigen Krise, um die Gangschaltung ihrer Firma wieder in Gang setzen?

„Problem erkannt, Kopf in den Sand“ – wie es Klaus Werle vom Manager Magazin provokant formulierte?
Oder: „benutzen sie für Ihre Arbeit Zahlen! Selbst wenn diese Zahlen falsch sein sollten, sind sie immer noch besser als Ihr Bauchgefühl!“ wie ein hochrangiger Berater den Anwesenden riet. „Da kann ich nicht mit, da fehlt jede Emotionalität!“ erwiderte ein emeritierter Hochschulrektor.

Oder: „wieder einen Schritt näher zur vollen Anerkennung als business partner durch die Geschäftsleitung?“ wie stolz berichtet wurde.

Vielleicht sollten sich die Personaler mal anhören, was der Wirtschaftsautor Jeffrey Pfeffer über ihre Manager sagt: “Es fehlt ihnen in großem Maße an gesundem Menschenverstand! Sie sind in der Herdenmentalität gefangen, wollen tun, was jeder andere auch tut,

selbst wenn es keinerlei Sinn macht!“ (siehe Bankenkrise).
Mein Bauchgefühl sagt mir, Personaler haben heute die Wahl, ob sie der siebte Lemming sein wollen, der zur Krisenbewältigung den Verzicht auf kreative Seminare und die Streichung von Keksen bei der Bewirtung anbietet.

Oder aber ob die Personalabteilung sich quasi als Mutter der Menschen im Unternehmen versteht, als Hüter seines größten Kapitals. Eine Steigerung der Mitarbeitermotivation um drei Prozent wäre für die Firma mehr Geld wert als technische Innovationen, das könnten auch Firmenchefs verstehen.

Mir scheint, hier hat die DGFP 2009 eine Chance versäumt. Aber die Krise dürfte uns noch eine ganze Weile in Atem halten, uns noch genügend Kicks geben für ein grundsätzliches Nachdenken.
Was wäre wenn die DGFP als größte Vereinigung von Personalern sich an die Spitze derer stellen würde, die neue humane und zugleich effektive Wirtschaftskonzepte entwickeln, gerade jetzt?
Matthias Horx der Zukunftsforscher sieht im Export von Innovation und Kreativität die Chance für die Deutsche Wirtschaft.
Es geht darum, Wirtschaft neu zu denken.

Genau das haben sich die Studenten einer kleinen neuen Wirtschaftsfakultät, an der Alanus Hochschule bei Bonn, zum Ziel gesetzt. Wi.n.d. = ‚Wirtschaft neu denken’ hieß ihr jüngst durchgeführtes, äußerst bemerkenswertes Symposium.

Was aber weit über dies Einzelbeispiel hinausweist: die Studenten hatten die Idee, solche jährlichen Wi.n.d. – Symposien an allen europäischen Wirtschaftsfakultäten einzuführen, als europäischen ‚brand’!
Dies jährliche brainstorming über die Zukunft der Wirtschaft könnte einen Orkan auslösen, unsere Firmen in Schwung bringen durch kreative Ideen und Perspektiven!
Hierfür könnte die DGFP die Patenschaft übernehmen, und zum Beispiel ab 2010 einen jährlichen europäischen Wi.n.d. – Preis ausloben, etwa für innovative Führung, welche in einem Unternehmen Raum schafft für Kreativität und Begeisterung?

Was wäre, wenn mutige neugierige Verantwortliche diesen Ball aufgreifen?
Gavorrano den 16.6.2009
Reinhard Kuchenmüller
mail@visuelle-protokolle.de